Das ZDF-Relikt aus der digitalen Steinzeit

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1997 war ein schicksalträchtiges Jahr. Helene Fischer ging noch zur Realschule, und beim ZDF bastelte man an einem Format, das ein bisschen Glamour in deutsche Wohnzimmer bringen sollte, montags bis freitags um 17.45 Uhr, News über Promis, die man sonst nur in den bunten Blättern beim Frisör erfuhr. „Leute heute.“

Man weiß nicht, ob Helene Fischer auf der Stelle die Schule geschmissen hätte, wenn sie damals schon gewusst hätte, was das bedeutete. Dass sie sich um ihre PR künftig nicht mehr sorgen musste. Das nämlich sollte später das ZDF für die erledigen. Einblicke hinter die Kulissen ihrer Shows, Porträts zu jedem runden Geburtstag. Korkenknallen, Fanfare – und Tusch. Keine frechen Fragen, schon gar keine frivolen. Alles hundertprozentig ironiefrei, das ist das Erfolgsrezept des Boulevardmagazins.

Am Freitag feierte „Leute heute“ seinen 20. Geburtstag. Es gab ein Best of aus 4963 Sendungen. Kinder, was ist nicht alles passiert. All die atemlos dahingehauchten Jaworte des europäischen Hochadels, der dänische Prinz Frederic mit Tränen in den Augen. Und Trennungen und Abschiede, ja, die gab es natürlich auch. Bye-bye, Brangelina, Hollywoods Vorzeigepaar. Bye-bye , Lady Di und Michael Jackson. Ein Geigenorchester fährt schwere Moll-Akkorde auf.

Babys laufen immer

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Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Aber die guten überwiegen natürlich bei „Leute heute.“ Babys zum Beispiel, Babys laufen immer gut. Die Wonneproppen von Janet Jackson oder Gianna Nannini, die beide noch jenseits der 50 Mutter wurden. „Zuckersüß“, säuselt Karen Webb, wie das nur Karen Webb kann. Mit einer Stimme, die immer eine Spur zu enthusiastisch klingt. Vor zehn Jahren hat Webb die Moderation von Nina Ruge übernommen. Aus blond wurde brünett, aber das Mantra der Sendung ist dasselbe geblieben. „Alles wird gut!“

Dabei ist die heile Welt der Promis schon ein Relikt aus der digitalen Steinzeit. Längst haben die Promis selber die Regie über die Berichterstattung über sich übernommen, Twitter und Instagram machen es möglich. Sie posten dort Schnappschüsse aus ihrem Privatleben, von denen Paparazzi nur träumen können.

Beyoncés Schwangerschaft sprengt Instagram

Beyoncé ließ auf Instagram eine Bombe platzen: Die Sängerin ist schwanger mit Zwillingen. Diese frohe Botschaft belohnten ihre Fans gleich mit einem Rekord. Wir versuchen eine Deutung des Bildes.

Quelle: Zoom.in

Denn sie zeigen sich von einer Seite, von der sie sich fremden Fotografen niemals zeigen würden. Mit Gurkenmaske in der Garderobe vor der Verleihung der Golden Globes. Oder nackt, mit kugelrundem Babybauch. Als die US-Sängerin Beyoncé dieses Porträt am Mittwoch auf Instagram postete und verkündete, dass sie Zwillinge erwarte, bekam ihr Foto innerhalb von 24 Stunden rekordverdächtige 7,5 Millionen Likes. Das Foto sprach für sich. Wer braucht da eigentlich noch „Leute heute“?

Hochzeiten werden live übertragen

In Zeiten, in denen Promis selber die Hüllen fallen lassen, mutet die königlich-rechtliche Berichterstattung anachronistisch an. Im ZDF ist der Promi noch König, hier darf er es noch sein. Es ist ja kein Zufall, dass die Royals auf der Agenda von „Leute heute“ ganz oben stehen. Dass der Sender jedes Mal mit einem ganzen Hofstaat ausrückt, wenn wieder ein Monarch unter die Haube kommt. Hochzeiten werden natürlich live übertragen.

So wollen es die Zuschauer. Die spielen in der Liga Ü60. Es sind Menschen, die von sich selber sagen würden, dass sie das Dschungelcamp nur vom Hörensagen kennen und dass Klatsch eigentlich unter ihrem Niveau ist. Es sei denn, es geht um Europas Hochadel. Oder um Helene Fischer, die Schlagerprinzessin. Oder um Heidi Klum, unser Topmodel in Hollywood. Für Stars von diesem Kaliber gelten dieselben Standards der königlich-rechtlichen Berichterstattung des ZDF wie für die Royals. Journalisten sind nur Stichwortgeber, die Bühne gehört den Promis.

Jüngere Menschen tun sich damit schwer

Das entspricht wohl dem Weltbild der Golden Ager. Zwischen 2,5 bis drei Millionen Menschen erreicht „Leute heute“, etwas mehr als die Konkurrenz von ARD („brisant“) oder RTL („exclusiv“). Jüngere Menschen tun sich mit diesem Format schwer. Das hat in dieser Woche ausgerechnet die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises gezeigt. Ein Best-of übertrug „Leute heute“ in einer 45-minütigen Spezialausgabe.

Und was soll man sagen? Es war ein launiges Branchentreffen, moderiert von der unvergleichlichen Barbara Schöneberger. Aber keine Sternstunde des People-Journalismus. Schauspieler sind ja auch bloß Menschen. Die wollen gar nicht hofiert werden – es sei denn, sie heißen Carsten Maschmeyer und Veronica Ferres.

Fragen wie „Und wie fühlt sich das an, den Preis gewonnen zu haben?“ langweilen sie genauso wie die Zuschauer. Auf Twitter wurde die Sendung deshalb schon für den „Goldenen Günter“ nominiert. Das ist ein Preis für die peinlichste TV-Sendung, jährlich verliehen von Medienmagazin „dwdl“. Aber zumindest Helene Fischer muss das nicht irritieren. PR hat die Schlagerprinzessin längst nicht mehr nötig.

Original Autor: Hildebrandt
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