Feelgood-Drama "Hidden Figures": Plötzlich Oscar-Kandidat

Mittwoch, 01.02.2017   16:39 Uhr

Drei Frauen und ein liegengebliebenes Auto, allein auf weiter Flur auf einer Landstraße irgendwo in Virginia. Aus der Ferne nähert sich ein Polizeiauto. Aber bei den Damen stellt sich keine Erleichterung ein, sondern Nervosität. Denn wir befinden uns im Jahre 1961 - und die drei Frauen sind schwarz. Die Polizei, das wissen sie nur zu gut, ist für Menschen mit ihrer Hautfarbe (zumal in den Südstaaten) selbst bei einer Motorpanne nur selten Freund und Helfer.

Mit dieser Szene beginnt, nach einem kleinen Prolog, der Film "Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen" und gibt damit gleich vor, worum es hier geht: um einen Blick in die amerikanische Geschichte, in die Zeit der Rassentrennung. Zeitkolorit mischt sich hier allerdings mit Unterhaltung und Feelgood-Atmosphäre - und so eskortiert der zunächst tatsächlich mehr als skeptische Polizist die drei schließlich sogar mit Blaulicht zu ihrer Arbeitsstelle.

Die plötzliche Hilfsbereitschaft des Ordnungshüters hat viel damit zu tun, dass jene drei Frauen für niemand anderen als für die Nasa tätig waren. Als Grundlage für "Hidden Figures" diente nämlich das gleichnamige Sachbuch von Margot Lee Shetterly über afroamerikanische Mathematikerinnen bei der Nasa in Zeiten des Weltraum-Wettrüstens. Drei von ihnen rücken Regisseur Theodore Melfi und seine Co-Autorin Allison Schroeder nun für die Adaption in den Vordergrund.

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"Hidden Figures": Beherzt aufgespielt

Katherine Johnson (Taraji P. Henson), verwitwete Mutter von drei Töchtern und schon als Kind mit besonderem Talent für Zahlen gesegnet, wird - zumindest vorübergehend - aus dem dunklen Kellerbüro, in dem die schwarzen Nasa-Mitarbeiterinnen dicht an dicht sitzen, ins Zentrum des Geschehens versetzt. Im Team von Al Harrison (Kevin Costner), dem Leiter der Space Task Group, soll sie die Berechnungen überprüfen, mit denen man den Russen beim Weltlauf ins All vielleicht doch noch ein Schnippchen schlagen kann.

Auch ihren Freundinnen eröffnen sich unerwartet neue Chancen. Dorothy Vaughn (Octavia Spencer) ist zwar regelmäßig dem Rassismus ihrer Vorgesetzten (Kirsten Dunst) ausgesetzt, erweist sich aber als besonders clever im Umgang mit dem neu angeschafften Riesengerät von IBM, mit dem sonst noch kaum jemand etwas anfangen kann.

Und Mary Jackson (Janelle Monáe) ist bereit, für den Traum von der Weiterbildung zur Ingenieurin sogar vor Gericht zu ziehen, um Abendkurse an einer Schule nur für Weiße zu besuchen. Von eitel Sonnenschein kann allerdings längst keine Rede sein, wenn gleichzeitig die nächste Damentoilette für Schwarze noch immer etliche Gebäude und über einen Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt ist.

Dass bereits in den Sechzigerjahren bei der Nasa Frauen und auch afroamerikanische Frauen arbeiteten, sollte eigentlich nicht überraschend sein. Ist es aber eben doch, denn wenn es in den Geschichtsbüchern um das sogenannte Race to Space geht, dann ist - wie selbstverständlich - immer nur von weißen Männern die Rede, die damals dazu beitrugen, den Astronauten John Glenn als ersten Amerikaner die Erde in einem Raumschiff umrunden zu lassen.

Diese außergewöhnliche Geschichte - oder besser: die neue, ungewohnte Perspektive - ist das Alleinstellungsmerkmal von "Hidden Figures" - und Regisseur Melfi ("St. Vincent") weiß es zu nutzen. Zwar erzählt er seinen Film letztlich konventionell und ohne große Überraschungen, doch genau darin ist er bemerkenswert effektiv. Die Klischees beschränkt er auf ein Minimum (Jim Parsons' Rolle als arrogant-ignoranter Kollege etwa bleibt arg eindimensional), und obwohl Katherine Johnson nebenbei auch noch eine neue Liebe (in Gestalt von Mahershala Ali) finden darf, übertreibt das Skript es auch nicht mit dem privaten Drumherum.

Gespür für die Zeit und ihre Themen

Überhaupt: Es ist die stets richtige Dosierung, die diesen Film so effektiv macht. Statt zum belehrenden Historienstück zu werden, lässt er viel Raum für Humor. Das Gespür für die Zeit und ihre Themen vermittelt er dennoch sehr präzise und mit einfachen Mitteln: hier eine Archivaufnahme von Jurij Gagarin, dort ein Gespräch am Esstisch über die Methoden der Bürgerrechtsbewegung. Und dann sind da natürlich die drei Hauptdarstellerinnen. Henson, Spencer und Monáe spielen derart beherzt auf, dass man gar nicht anders kann, als sich von "Hidden Figures" mitreißen zu lassen.

Tatsächlich ist dies aber nicht nur wegen der Geschichte auf der Leinwand ein Ausnahmefilm. Eine von einem großen Studio verantwortete Mainstreamproduktion, in der ausschließlich Frauen im Mittelpunkt stehen? Noch dazu schwarze Frauen? So etwas ist selbst im Jahr 2017 ungewöhnlich in Hollywood.

Der Vergleich mag ein wenig überzogen sein, doch wenn es darum geht, sich selbst und ihre Geschichten auf der Leinwand repräsentiert zu sehen, sind Afroamerikanerinnen kaum weniger unerkannt als die Heldinnen dieses Films. Man muss nur mal einen Blick in Taraji P. Hensons 2016 erschienene Autobiografie "Around the Way Girl" werfen, um ein ziemlich klares Bild davon zu bekommen, gegen welche Widerstände und mit welchen Stereotypen eine schwarze Schauspielerin selbst dann noch zu kämpfen hat, wenn sie für den Oscar nominiert und mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

"Hidden Figures"

USA 2016
Regie: Theodore Melfi
Drehbuch: Allison Schroeder, Theodore Melfi
Darsteller: Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Aldis Hodge, Jim Parsons, Mahershala Ali
Produktion: Fox 2000 Pictures, Chernin Entertainment, Levantine Films, TSG Entertainment
Verleih: Fox Deutschland
FSK: keine Einschränkung
Länge: 127 Minuten
Start: 2. Februar 2017
Offizielle Website zum Film

"Auch nachdem ich längst meinen so genannten Durchbruch geschafft hatte, waren die einzigen Rollen, für die mich die Besetzungschefs im Sinn hatten, alleinerziehende Mütter und Ghetto Girls", schreibt Henson, die selbst übrigens zunächst ein Studium der Elektrotechnik begann, bevor sie sich der Schauspielerei widmete.

"Für alles andere war ich zu 'edgy', wie sie sagten. Das hieß: zu laut - und eben zu schwarz. Selbst in der romantischen Komödie 'Denk wie ein Mann', deren Ensemble eigentlich nur aus schwarzen Schauspielern bestand, wollte der Produzent ausgerechnet die Rolle der beruflich erfolgreichsten Figur mit einer Weißen besetzen."

In jenem Fall setzte Henson sich durch, doch ihre Erfahrungsberichte lesen sich nicht selten so erschreckend wie erhellend. Nicht zuletzt, was die Benachteiligung afroamerikanischer Schauspielerinnen bei der Bezahlung angeht: "Die Rechnung der Bosse ist simpel: Es gibt sehr viel mehr talentierte schwarze Schauspielerinnen, als es kluge, anspruchsvolle Rollen für sie gibt. Also können sie den Preis drücken, denn sie wissen, dass wir alle uns um diese paar Angebote reißen. Wer nach mehr Geld fragt, wird einfach ersetzt."

"Dies ist ein Film über Einigkeit"

Dabei ist nicht zu übersehen, dass seitens des Publikums Interesse, ja sogar Bedarf an Geschichten besteht, die nicht bloß von heterosexuellen weißen Männern handeln: In den USA spielte "Hidden Figures" in gerade einmal fünf Wochen sensationelle 100 Millionen Dollar ein und schaffte es als erster Film mit weiblichen Protagonisten seit fünf Jahren, zwei Wochen lang die Kinocharts anzuführen.

Vergangenen Sonntag gewann der Film sogar vollkommen überraschend den Preis für das Beste Ensemble bei den von der Schauspielergewerkschaft verliehenen SAG Awards. Auch die Oscarverleihung am 26. Februar könnte er aufmischen: Er ist dreimal nominiert, unter anderem als bester Spielfilm.

Filmtrailer: "Hidden Figures"

"Dies ist ein Film über Einigkeit", sagte Henson in ihrer Dankesrede. "Er handelt davon, was möglich ist, wenn wir unsere Unterschiede beiseiteschieben und als Menschheit zusammenkommen. Dann gewinnen wir. Die Liebe gewinnt. Immer!" Mit dieser versöhnlichen Botschaft scheint "Hidden Figures" nicht zu der Stimmung zu passen, die seit dem Ende von Obamas Amtszeit in den USA herrscht. Aber gerade in seiner gelungenen Mischung aus kurzweiliger Unterhaltung und gesellschaftspolitisch relevanten Themen kommt er eben auch besonders gelegen.

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