Iranisches Beziehungsdrama "The Salesman": Der schmale Grat

Montag, 30.01.2017   16:27 Uhr

Auch die Oscars sind vor Donald Trumps Dekreten nicht sicher. Das am Freitag verhängte Einreiseverbot für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern hätte dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi den Flug zur Preisverleihung in Los Angeles verwehrt. Der Iraner teilte nun mit, er werde nicht in die USA reisen, selbst wenn er eine Ausnahmegenehmigung bekäme. Seine Hauptdarstellerin hatte ihre Teilnahme schon vergangene Woche abgesagt. Farhadis Film "The Salesman" ist in der Kategorie "Bester ausländischer Film" nominiert.

In einem Statement schreibt Farhadi: "Hardliner (…...) haben keine andere Wahl, als die Welt mit einer Sie-oder-wir-Mentalität" zu betrachten (...…) und so Angst unter den Menschen ihres eigenen Landes zu verbreiten. Dies ist nicht nur in den USA der Fall. Die Hardliner meines Landes sind genauso."

Starke Worte, vor allem auch im Hinblick auf die politische Situation in Iran. Und ein Beleg dafür, wie Trumps Politik die Menschen dazu bringt, Stellung zu beziehen. Denn Farhadi ist eher ein Meister der subtilen Gesellschaftskritik als offener Opponent der Mullahs. Gerade erst schien es, als drohe er von ihnen vereinnahmt zu werden und auch selbst ein wenig das Augenmaß im Umgang mit dem Regime zu verlieren.

Kein staatstreuer Filmemacher

Nachdem er für seine neue Tragödie "The Salesman" im Mai 2016 bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt, wurde Farhadi bei seiner Rückkehr am Flughafen von Regierungsvertretern und Kulturfunktionären erwartet und gefeiert. In Interviews äußerte er sich recht unkritisch über seine Situation als Filmemacher in Iran.

Staatstreue Filme macht Farhadi deshalb noch lange nicht. Er ist zwar Irans international bekanntester Filmregisseur, 2011 gewann er einen Oscar für das Scheidungsdrama "Nader und Simin". Besonders in Europa wird er als großer Filmkünstler gefeiert. Aber seine in der urbanen Mittelklasse angesiedelten Dramen dürfen durchaus als gesellschaftskritisch gelesen werden. Auch "The Salesman", selbst wenn seine Arbeit hier auf hohem Niveau stagniert.

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Fotostrecke: "The Salesman"

Der Film beginnt mit einstürzenden Neubauten: Jäh bilden sich Risse in den Wänden der Mietskaserne, in der Lehrer Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) wohnen. Überstürzt muss das junge Paar seine Wohnung verlassen, Emad hilft noch seiner Nachbarin, ihren kranken Sohn nach draußen zu bringen. Dann stehen die beiden buchstäblich auf der Straße, denn in Teheran herrscht akute Wohnungsnot.

Mit Glück bekommen sie doch schnell ein neues Apartment. Beide spielen in einer Theatertruppe und proben abends Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Ensemble-Kollege Babak hört von Emads und Ranas Unglück und bietet ihnen eine Wohnung an, die ihm gehört. Die Vormieterin ist vor drei Wochen überstürzt ausgezogen, lagert aber ihr Hab und Gut noch in einem Zimmer. Merkwürdig auch, dass Babak von anderen Mietern des Hauses beiseite genommen und ermahnt wird, es gebe hoffentlich nicht wieder Probleme. Aber Emad und Rana stellen keine Fragen, sie sind froh über die Unterkunft.

Die tiefe Krise eines Ehepaars

Eines Abends, als Emad nicht zu Hause ist, verschafft sich ein fremder Mann Zugang zu der Wohnung, während Rana duscht. Als Emad zurückkehrt, findet er seine Frau leicht verletzt und völlig verstört vor. Wie sich herausstellt, war die Vormieterin eine Prostituierte und der nächtliche Eindringling einer ihrer Kunden, der nichts von dem Mieterwechsel wusste.

Ob Rana vergewaltigt oder "nur" bedrängt wurde, erfahren weder Emad noch der Zuschauer. Der Vorfall stürzt das Paar in eine tiefe Krise. Asghar Farhadi führt vor, wie ein übersteigerter (männlicher) Ehrbegriff aus dem kunstverständigen, toleranten, scheinbar aufgeklärten Emad einen Mann macht, der rotsieht. Es geht im Folgenden vor allem um seine Ehre; darum, was die Nachbarn und Kollegen über ihn denken. Emad macht sich auf die Suche nach dem Einbrecher.

"Forushande/The Salesman"

Iran/ Frankreich 2016
Buch und Regie: Asghar Farhadi
Darsteller: Taraneh Alidoosti, Shahab Hosseini, Babak Karimi
Produktion: Arte France Cinéma, Doha Film Institute, Farhadi Film Production
Verleih: Prokino Filmverleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 125 Minuten
Start: 2. Februar 2017

"The Salesman" war nicht nur in Cannes erfolgreich, sondern vor allem in Iran selbst. Der Film brach 2016 alle Einspielrekorde, die Menschen standen schon um sechs Uhr morgens vor den Kinos Schlange. Die junge, gewachsene Mittelschicht der großen Städte erkannte sich offensichtlich in dem Film wieder.

Überhaupt erfährt das iranische Kino gerade einen großen Boom. Die Zahl der produzierten Filme steigt signifikant, im ganzen Land werden über 100 neue Multiplexe gebaut. Schon wenige Monate nach dem Start von "The Salesman" übertraf die iranisch-indische Co-Produktion "Salaam Bombay" dessen Einspielergebnis um mehr als das Doppelte.

Hochpolitisch aufgeladene Metaphern

In diesen Boom-Zeiten, so scheint es, lässt die Zensurbehörde auch mal einen Film durchgehen, in dem sie selbst thematisiert wird. Die Inszenierung vom "Tod eines Handlungsreisenden" in "The Salesman" muss nämlich von ihr abgenommen werden, bevor sie öffentlich gezeigt werden darf. Regierungsnahe Medien kritisierten den Film und seinen Regisseur dagegen scharf: In einigen Tageszeitungen warfen Rezensenten Farhadi vor, ein zu dunkles Bild seines Landes zu zeichnen und nur den Erfolg im Westen zu suchen.

Seine Filme können als menschliche Dramen gelesen werden - oder als hochpolitisch aufgeladene Metaphern. Die wie der Ausbruch der Anarchie gefilmten Feuerwerke in "Fireworks Wednesday", die bis aufs Blut zerstrittene Gesellschaft im bitteren Scheidungsdrama "Nader und Simin", jetzt die in einer eindrucksvollen Plansequenz gefilmte Eröffnung, in der ein ganzes Haus einzustürzen droht - im Westen werden diese Szenen als versteckte Grundsatzkritik gelesen.

Im Video: Der Trailer zu "Forushande"

Farhadi weist diese Lesart zurück. Seine Filme würden in Iran anders verstanden als im Westen. Wie dem auch sei: In "The Salesman" wirkt Farhadis wieder elegant verknoteter Plot ein wenig zu routiniert. Er ist zwar auch hier wieder ein Meister darin, seine Geschichte filmisch mit einer Mischung aus nahen Einstellungen und mobiler Handkamera ganz nah heranzuholen. Dennoch bleibt der Eindruck, dass er mit seinem in Frankreich gedrehten Familiendrama "Le passé" schon weiter war, dass er sich mit seinem neuen, wie er sagt, aus Heimweh entstandenen Film wiederholt. Dazu trägt auch die unnötige Ebene des Theaterstücks bei, die das Geschehen reflektieren soll, stattdessen aber die Dringlichkeit nimmt, die "Nader und Simin" zu einem solchen Ereignis machte.

Umso mutiger sind Farhadis Worte über die Hardliner in seinem Land. In Iran ist es dem Kino-Boom zum Trotz ein schmaler Grat zwischen Abgrund und Anerkennung. Sein Statement hat auch den Nebeneffekt, dass das Regime sich "The Statement" nicht mehr so leicht als Visitenkarte für eine vermeintlich freie Kunst anstecken kann. Denn dafür ist die Diktatur nicht bereit.

Seit November 2016 sitzt etwa der Regisseur Keywan Karimi für ein Jahr im Gefängnis. Er wurde zusätzlich zu 223 Peitschenschlägen verurteilt, weil er die Dokumentation "Writing on the City" über politische Graffitis in Teheran gedreht hatte. Farhadis Kollege Jafar Panahi ist noch immer mit Berufsverbot belegt, Mohsen Makhmalbaf, Mohammad Rasulof und Rafi Pitts leben größtenteils im Exil.

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