Zum Tod von John Hurt: Gespür für das Alien

Samstag, 28.01.2017   14:54 Uhr

Namenswitze macht man nicht, aber im Falle des Schauspielers John Hurt kann man kaum widerstehen: Kein anderer Darsteller seiner Generation verkörperte Schmerz und Verletzung, hurt also, so intensiv wie der 1940 geborene Brite. John Hurt drängte mit seinem Spiel nie nach vorn, war nie ein Mann der ersten Reihe wie seine Freunde und Trink-Kumpanen Oliver Reed und Peter O'Toole, und doch brannten sich seine besten Rollen tief ins kollektive Kinogedächtnis ein: Misfits wie der "Elefantenmensch" Joseph Merrick, Exzentriker wie die Gay-Ikone Quentin Crisp, Außenseiter wie Winston Smith in "1984" oder Durchgedrehte wie der römische Herrscher Caligula.

Die gesamte Palette menschlicher Schwäche und Zerbrechlichkeit konnte Hurt mit der Eindringlichkeit seines schon früh von Falten zerfurchten Gesichts und der sehnigen Drahtigkeit seines Physis verkörpern. In jede einzelne seiner Rollen versenkte er sich ganz und gar, egal wie tief die Abgründe schienen. "Interessant an der menschlichen Rasse ist die menschliche Rasse selbst", sagte er 2007 dem "Guardian", "wenn du dich dafür interessierst, könnte es sein, dass du nicht an den bequemsten Orten landest."

Kulturschock an der öffentlichen Schule

Mit unbequemen Orten machte John Vincent Hurt schon früh Bekanntschaft. Als Sohn eines anglikanischen Vikars wuchs er in frömmelnden Verhältnissen in der englischen Grafschaft Lincolnshire auf. Der Vater war distanziert, als jüngstes von drei Geschwistern hing Hurt am Rockzipfel seiner Mutter, trieb aber bereits als Ministrant im Gottesdienst allerlei Schabernack, als er die Weihrauchgefäße absichtlich überfüllte, um die Gemeinde einzunebeln und in Ohnmacht zu versetzen.

An der kirchlichen Prep-School scheiterte er jedoch und wurde an eine öffentliche Schule geschickt. Ein Kulturschock, der Hurt tief beeindruckte: Die autoritäre Strenge der Lehrer, die Brutalität der Bullys auf dem Schulhof, das ständige Fluchen - Härten der Arbeiterklasse, die dem behüteten Pastorensohn bis dato unbekannt gewesen waren. Hurt zog sich in Fantasiewelten zurück und entwickelte, gehänselt und eingeschüchtert, sein Gespür für Underdogs.

1966 entdeckte Regisseur Fred Zinnemann den Bühnen- und Fernsehschauspieler - und gab ihm eine Nebenrolle als Richard Rich in der Romanverfilmung "Ein Mann zu jeder Jahreszeit". Seinen Durchbruch erlebte er nach vielen kleineren Rollen und mehreren Jahren als Ensemble-Mitglied an der Royal Shakespeare Company jedoch erst 1975 mit seiner Hauptrolle als Szenegröße Quentin Crisp in dem TV-Biopic "The Naked Civil Servant". Schwules Kino war in den Siebzigern noch dabei, sich abseits von Voyeurismus oder Didaktik zu etablieren, sodass Hurts furchtlose, zickig-flamboyante Darstellung der queeren Ikone für Aufsehen sorgte. Im Jahr darauf schockierte er das Fernsehpublikum erneut mit seinem rundheraus irren Caligula in "I, Claudius", der zu seiner sterbenden Großmutter ins Bett kroch und seiner schwangeren Schwester das ungeborene Kind aus dem Bauch schnitt.

Alien und Elefantenmensch

Drei Jahre später gewann Hurt mit seiner Darstellung des Häftlings Max in Alan Parkers Gefängnisschocker "Midnight Express" einen Golden Globe als bester Nebendarsteller und eine Oscar-Nominierung. 1979 folgte einer von Hurts kürzesten, aber spektakulärsten Kino-Auftritte. In Ridley Scotts Weltraum-Thriller "Alien" spielt er das bemitleidenswerte Crew-Mitglied Kane, dem nach einem gierig verzehrten Spaghetti-Dinner die erste Horror-Kreatur aus dem Brustkorb bricht. Der Schock auf Kanes Gesicht, in den sich Schmerz und Unglaube mischen, ist furchterregender als die grandiosen Spezialeffekte in dieser Szene.

Mit körperlicher Versehrtheit bekam es Hurt auch 1980 in David Lynchs "Der Elefantenmensch" zu tun. Er spielte, praktisch unkenntlich unter monströsen Verformungen, den von der seltenen Lymphstörung Elefantiasis befallenen Briten Joseph Merrick (im Film John genannt). Sein Aufschrei am Ende des Films ging durch Mark und Bein: "I'm not an animal. I'm a human being!" Die berührende, oft mit Boris Karloffs klassischer Frankenstein-Performance verglichene Darstellung brachte Hurt eine weitere Oscar-Nominierung ein. Unter der schweren Maske allein auf schmerzerfüllte, verängstigte oder verachtende Blicke und Gestik zurückgeworfen, entwarf Hurt eine so bemitleidenswerte wie würdevolle Figur.

Mit gleicher Sensibilität machte Hurt auch das mit Poesie gegen das autoritäre "Big Brother"-Regime widerstrebende Individuum Winston Smith zum schauspielerischen Ereignis. Als Michael Radfords Verfilmung von George Orwells Gesellschaftsdystopie "1984" im gleichen Jahr ins Kino kam, spiegelte sich das Leid und die Frailty seiner Filmcharaktere längst auch im Privatleben John Hurts: Seine langjährige Lebensgefährtin Marie-Lise Volpelière-Pierrot starb 1983 bei einem Reitunfall. Hurt verfiel dem Alkohol, dem er schon seit seinen Anfängen aus Unsicherheit zugetan war.

Letzter großer Auftritt in "Jackie"

In späteren Karrierejahren brillierte Hurt als versierter und verlässlicher Nebendarsteller und Sprecher in Dutzenden von Rollen: Unvergessen bleiben seine minimalen, aber wirkungsvollen Einsätze als Zauberstabmacher Mr Ollivander in zwei Teilen der Harry-Potter-Reihe, aber auch prägnante Rollen in Lars von Triers "Melancholia" und als Geheimdienstchef in der Le-Carré-Adaption "Dame, König, Ass, Spion".

Ehrgeiz, sagte er einmal dem "Guardian", sei nie seine Sache gewesen. "Ich habe unheimlich ambitionierte Leute beobachtet: Im Moment des Erfolgs wissen sie genau, wo es lang geht, sie wissen, wie sie damit umgehen sollen, und dann geht es richtig los für sie. Toll. Aber so funktioniere ich nicht." Im Juli 2015 wurde er von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.

Religiös ist der vierfach verheiratete, inzwischen seit vielen Jahren trockene Cricket-Fan trotz seiner Kindheitsprägung nicht gewesen. Einen seiner letzten großen Auftritte hat Hurt aktuell in Pablo Larraíns Kennedy-Ballade "Jackie" als Pfarrer, der der verzweifelnden Präsidentenwitwe Mut zuspricht. Es gebe keinen absoluten Glauben, und es gibt auch keine Antworten, sagt er ihr, mit welterfahrener, müder, aber umarmend gütiger Stimme. Dennoch habe Gott "uns gerade genug gegeben", um mit dem Tod umgehen zu können.

John Hurt starb in der Nacht zu Samstag in London an den Folgen seiner Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung. Noch vor einem Jahr hatte er sich in der britischen Presse zuversichtlich gezeigt, den Krebs besiegen zu können. Am 22. Januar war er 77 Jahre alt geworden.

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